Kündigen Sie !

Die Rente ist sicher, Ihr Arbeitsplatz ist sicher und die Wirtschaft befindet sich auf Erholungskurs. Genau. Sind Sie die ständigen Unkenrufe nicht auch leid ? Nach einer tiefen Talfahrt muß es ja schließlich auch mal wieder aufwärts gehen.

Und die letzten Monate ist es ja auch aufwärts gegangen.

Aber wie weit geht das noch ? Haben nicht auch vor zwei Jahren die üblichen Verdächtigen, pardon: “Experten” einen euphorischen Ausblick auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung gegeben ? Hat nicht z.B. ein Bankmanager einer Bank, der heute wegen Untreue vor Gericht steht, erklärt, seiner Bank gehe es blendend, obwohl sie zum selben Zeitpunkt bereits faktisch insolvent war ?
Die Börsen feiern wieder Höchststände, die Banker kassieren wieder Millionen-Boni – die Party geht weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Aber wenn andere nicht aus ihren Fehlern lernen, kann man das denn nicht wengistens für sich selbst leisten ? Doch. Kündigen Sie z.B. ihre Lebensversicherung. Absurd ? Nun, wie Sie meinen, dann lassen Sie es. Vertrauen Sie darauf, daß die Versicherer Ihr Kapital in Staatsanleihen anlegen, weil das “die sicherste Anlageform” ist. Denn Aktien können ja fallen, wie man in der Krise mal wieder hilfreich betrachten konnte. Staatsanleihen etwa nicht ?

Wenn Staaten ihrerseits insolvent sind, dann sind auch deren Papiere nichts mehr wert. Klar, bevor Deutschland pleite geht, wird erst Griechenland über die Klinge springen, oder Portugal, Spanien, England etc. Doch nachdem Frau Merkel mit scheinbarer Stärke darin eingewilligt hat, den Euro und Euroland als Ganzes im Zweifel auf Kosten Deutschlands vor dem Untergang zu retten, dürfte klar sein, daß es keine Einzellösungen geben wird. Und: kann ein Staat überhaupt pleite gehen ? Kommt drauf an, wer seine Gläubiger sind. Soweit wir als Bürger uns als solche verstehen, hat die Sache einen charmanten Vorteil: wie in anderen Insolvenzen auch, kann man die Gläubiger einfach mit der Quote dessen bedienen, was noch da ist. Und was ist noch da ? Nicht mehr viel. Da sind Untergangsszenarien wie solche von einer neuen Währungsreform gar nicht notwendig. Es genügt, nach einer ersten Phase der Deflation, die gerade kurz bevorsteht, in eine Phase der Inflation zu wechseln, und schon vernichtet sich die Schuld gegenüber den Gläubigern von selbst.

Schon jetzt wird ein erheblicher Teil der künftigen Rentner sicher prognostizierbar an der offiziellen Armutsschwelle sein Leben fristen. Keine Leistungsverweigerer, Sozialschmarotzer etc, sondern Menschen wie Du und ich, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Pech gehabt, ist grad ne schwierige Phase. Das ist gar nicht so zynisch gemeint, wie es klingt. Schließlich gibt es keinen Anspruch auf Glück, Wohlstand, Gesundheit usw. Unsere Eltern, die den Krieg durchlitten haben, können das bestätigen. Sie hatten eine “schwierige” Kindheit, wir werden einen schwierigen Lebensabend haben. Was aber daran ärgert, ist, daß dies vermeidbar gewesen wäre. Das läßt sich zwar auch von jedem Krieg sagen, aber die über Jahrzehnte angelegte Gleichgültigkeit gegenüber dringendem Handlungsbedarf in Bezug auf absehbare Zukunftsprobleme und die damit einhergehenden Ziel- und Planlosigkeit der Politik ist dann vielleicht doch noch etwas anderes als bestimmte historische Ereignisse, die einen Krieg auslösen.
Sie brauchen also ihre Lebensversicherung gar nicht zu kündigen. Denn selbst, wenn unser Staat nicht pleite geht (eigentlich ist er es faktisch schon längst) und daher die Auszahlung gar nicht mehr möglich sein wird, dürfte das, was im Alter daraus zurückfließt, keinen nennenswerten Substanzwert mehr haben. Vertrauen Sie einfach darauf, daß alles Wesentliche bereits für Sie in die Wege geleitet wurde. Und freuen Sie sich darauf, daß Sie in 15 Jahren für ein Pfund Butter nur 100.- Euro bezahlen müssen, und nicht 200.-. Oder aber 99 bugcent, der neuen Währung, auf die wir dann alle stolz sein werden, nachdem wir unsere ursprünglichen Euro-Ansprüche im Verhältnis 1 zu 100 transformieren durften.

Seien Sie zuversichtlich, das Leben ist schön. Mal mehr, mal weniger.

Vorratsdatenspeicherung nichtig – was bedeutet das jetzt ?

Konsequenzen für die private Nutzung von Telefon, Internet und Mail im Betrieb

Das BVerfG hat dem Parlament mal wieder eine fünf gegeben (siehe die Top-Meldung links).
Sämtliche Regeln zur Vorratsdatenspeicherung sind nun also nichtig und dürfen daher ab sofort nicht mehr angewendet werden.

Das hat sehr unterschiedliche Konsequenzen, denn die Regelungen zur Vorratsdatenspeicherung waren auch bisher schon komplex.
Ein Teilaspekt wurde bisher darin gesehen, dass „normale“ Unternehmen auch als Arbeitgeber zum Provider werden konnten, wenn sie ihren Arbeitnehmern die private Nutzung z.B. von Telefon, Internet und Mail erlaubt haben. Damit hätten sie sich eigentlich komplett den Anforderungen des Telekommunikationsgesetzes (TKG) unterwerfen müssen und folglich selbst eine Vorraddatenspeicherung sicherstellen müssen. Und die setzt erheblichen or-ganisatorischen, technischen und finanziellen Aufwand voraus. Ein Grund, aus dem zahlreiche Unternehmen die Privatnutzung dieser
Techniken verboten haben.  Schließlich stand am Horizont die drohende Gefahr eines Bußgelds in Höhe von bis zu 500.000.– Euro.

Könnten jetzt also die Unternehmen eine private Nutzung wieder erlauben ?
Wohl kaum. Denn einerseits ist zu erwarten (oder zumindest nicht auszuschließen), dass der Gesetzgeber auf kurz oder lang zumindest für diesen Bereich eine neue Gesetzes-Version anbieten wird, in der es beim Aufwand nicht gerade schlanker zugehen wird.
Denn jetzt weiß man ja in Berlin endlich, wie ein Gesetz zu verfassen ist.

Hinzu kommt, dass die Speicherungspflichten der Provider als solche durch das BVerfG als legitim eingestuft wurden. Die Kostenlast sei, so das Gericht, praktisch die Spiegelung der Gewinnerzielungsmöglichkeiten. Damit kann das Gericht aber wohl nur die Provider gemeint haben, an die man auch üblicherweise denkt, wie z.B. Telekom oder Vodafone etc.

Wie das Problem der Providerstellung von Unternehmen gegenüber ihren Arbeitnehmer zu lösen ist, dazu sagt das Gericht leider nichts.
Daher muß man davon ausgehen, dass sich deren Stellung nicht verbessern wird, solange nicht der Gesetzgeber diese „Lücke“ erkennt und bereinigt.
Demzufolge sollte vorsichtshalber nicht von einer Entspannung ausgegangen werden.
Aber selbst, wenn ein künftiges Gesetz die Unternehmen als Arbeitgeber von den bisherigen Verpflichtungen ausnehmen würde:
Eine Trennung von privaten Daten der Arbeitnehmer und beruflichen Daten verlangt bereits das grundrechtliche Telekommunikationsgeheimnis, das informationelle Selbstbestimmungsrecht und indirekt auch die GdPdU (Grundsätze zum Datenzugriff und zur Prüfbarkeit digitaler Unterlagen), eine Veraltungsanweisung der Finanzbehörden.

Insofern wird es auch künftig Sinn machen, die private Nutzung zu verbieten oder aber sehr detaillierte Regelungen in einer Betriebsvereinbarung festzulegen, wie beide Seiten mit den privaten Arbeitnehmer-Daten umzugehen gedenken.
Für lauwarme Duldungslösungen gilt weiterhin: sie sind keine Lösungen, sondern ziehen Probleme an wie das Licht die Motten.

Ihr Kai Stumper

Fragen zum Wahlrecht zum Betriebsrat

Frage:
Sind Leiharbeitnehmer wahlberechtigt zum Betriebsrat und zum Aufsichtsrat ? Welche Voraussetzungen müssen dazu erfüllt sein ?
Sind Leiharbeitnehmer auch wählbar ?
Antwort:
Wahlberechtigung, § 7 BetrVG: ab sofort, sofern älter als 18 J., auch für Leiharbeiter, die allerdings prognostisch für mind. 3 Monate tätig werden sollen. Nach BAG sind diese Leiharbeitnehmer aber nicht bei den Schwellenwerten mitzuzählen. Grundsatz: Leiharbeitnehmer wählen, aber zählen nicht.
Für den Aufsichtsrat:
§ 5 DrittbetG:
„(1) Wahl der Aufsichtsratsmitglieder der Arbeitnehmer. (2) Die Aufsichtsratsmitglieder der Arbeitnehmer werden nach den Grundsätzen der Mehrheitswahl in allgemeiner, geheimer, gleicher und unmittelbarer Wahl für die Zeit gewählt, die im Gesetz oder in der Satzung für die von der Hauptversammlung zu wählenden Aufsichtsratsmitglieder bestimmt ist.Wahlberechtigt sind die Arbeitnehmer des Unternehmens, die das 18. Lebensjahr vollendet haben. § 7 Satz 2 des Betriebsverfassungsgesetzes gilt entsprechend.“
Wählbarkeit, § 8 BetrVG: nach 6 Monaten Betriebszugehörigkeit, gem. § 14 II AÜG nicht jedoch Leiharbeiter, und zwar auch nicht für den Aufsichtsrat.

Frage:
Haben Mitarbeiter mit einem befristeten Arbeitsvertrag das passive Wahlrecht, d.h. dürfen sie in den Aufsichtsrat und in den Betriebsrat gewählt werden, auch wenn ihr Vertrag eventuell schon vor Ablauf der 3 bzw. 4 Jahre endet? (muß das Wahlkommittee Kenntnis davon haben, welche Mitarbeiter einen befristeten Vertrag haben?)
Wie wirkt sich der Kündigungsschutz, der durch die Kandidatur entsteht, auf einen befristeten Arbeitsvertrag aus?
Antwort:
1. passives Wahlrecht bleibt erhalten.
2. keine Auswirkung, die sich von anderen unterscheiden würde (natürlich mit Ausnahme des Falles, dass das Arbeitsverhältnis regulär gerade aufgrund der Befristung endet).

Vertrauen in Aliens

Fühlen Sie sich auch betrogen ? Das vergangene Jahr war ein Krisenjahr, das gegenwärtige wird vielleicht noch schlimmer. Überall heißt es, es sei jede Menge Vertrauen verspielt worden. Vertrauen in die Marktwirtschaft, Vertrauen auf die Hausbank, Vertrauen auf den Arbeitgeber oder  auf Geschäftspartner.

Die Manager hätten besser managen müssen, die Bank hätte besser beraten müssen, der Geschäftspartner hätte seine Versprechen einlösen müssen, der Arbeitgeber hätte verantwortungsvoller planen müssen. Alle hätten das Vertrauen, daß in sie gesetzt wurde, redlicher einlösen sollen.

Moment mal: Vertrauen ?
Was haben diese Dinge mit Vertrauen zu tun ?

Überlegen Sie bitte kurz, ob Sie Ihrem Partner/Ihrer Partnerin in Ihrer Beziehung vertrauen. Wenn ja, dann dürften Sie eigentlich auch keinen Ehevertrag abgeschlossen haben oder keinen abschließen wollen. Haben Sie aber doch ?

Dann blicken Sie der Wahrheit ins Auge: Sie sorgen vor -  Sie halten es für möglich,  hintergangen zu werden. In diesem Fall gehören Sie zu einer glücklichen Gruppe von Menschen: Sie sind Realist, sichern sich ab, sind gegen  Betrug, Arglist und Dummheit gewappnet.

Dann werden Sie keinen Grund zum Jammern haben, denn Sie haben Ihr Geld sicher angelegt und stets  zwei Job-Angebote in der Schublade. Beneidenswert.

Wenn Sie jetzt feststellen, daß Sie zu der anderen Gruppe von Menschen gehören, daß Sie also Absicherung gegen Vertrauen ersetzt haben, dann  hören Sie auch auf, zu jammern.

Denn Sie haben sich den größten Luxus erlaubt, den es auf dieser Welt gibt:
Sie haben an das Gute geglaubt.

Auch das ist beneidenswert, denn Sie sind ein Idealist, ein Träumer, vielleicht sogar ein Poet. Luxus aber kostet. Sie werden dafür bezahlen  müssen. Und machen Sie dabei keine Vergleichsrechnung auf, um sich zu beschweren, daß Sie am Ende schlechter dastehen – oder wollen Sie  gleichbehandelt werden mit all denen, die zu Vertrauen nicht mehr fähig sind und Sie um Ihr Vertrauen betrogen haben ?
Nein, so tief wollen Sie nicht sinken.

Ihr Kai Stumper

Arbeit oder Leben ?

Kennen Sie auch diese Sorte von Kollegen, die morgens als erste im Büro sind und abends als letzte das Licht ausmachen ?
Diejenigen, die um 17 Uhr schnell mal auschecken, um danach bis 23 Uhr hinterm Bildschirm zu verschwinden ?
„Leistung muß sich lohnen“, sagt die FDP seit einigen Jahren immer wieder.
Tja, und das stimmt ja auch. Wer 14 Stunden arbeitet, für den lohnt es sich eben mehr, als für denjenigen, der nur 12 arbeitet.
Noch klarer ist natürlich der Vergleich mit demjenigen, der gar keine Arbeit mehr hat.

Aber darin liegt wohl auch das Hauptmotiv.  Es geht nicht nur um Ehrgeiz. Es geht nicht nur darum, dass viele Karrieristen keine Zeit  mehr haben für Frau, Mann oder Kinder oder, was ja fast noch häufiger scheint, dass sie gar keine Frau, Mann oder Kinder (mehr) haben.

ES GEHT UM ANGST

Nein, es geht zumindest auch um Angst.
Arbeiten, vor allem aber mehr arbeiten, aus Angst vor dem Jobverlust.

Im Prinzip lautet die Rechnung also so: entweder, Sie kümmern sich um Ihre Familie oder Ihre Seele (oder beides, soll ja manchmal durchaus zusammenhängen).
Oder  Sie arbeiten so viel, dass Sie sich um diese „Dinge“ eben nicht mehr kümmern können.

Im einen Fall  rutschen Sie in der unausgesprochenen, inoffiziellen Sozialauswahl ganz nach oben (derer, die als nächste zu gehen haben).
Im zweiten Fall dürfen Sie sich fragen, wofür Sie so hart arbeiten, denn die Zeit, etwas  mit dem Ertrag anzufangen, haben Sie ja nicht mehr.

Das  sind die Zeichen einer Gesellchaft, die sich verzweifelt festklammert an einem Wohlstandsbegriff, der aus den 70er Jahren stammt und endgültig vorbei ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, dass ich im Spätsommer 2007 führte. Der „Aufschwung“ war in vollem Gange und wir sprachen über die künftige wirtschaftliche Entwicklung.
Zu meinem Erstaunen  stimmte mein Gegenüber mir zu, als ich erklärte, dass dies das letzte Aufbäumen in Deutschland sein würde und in den nächsten Jahrzehnten der Abwärtstrend drastisch zunehmen werde.

DER GRÖßTE LUXUS WAR NICHT
DER WOHLSTAND

Hatten wir seherische Kräfte ?
Nein. Wir wußten noch nichts von Immobilienkrise und „bad banks“.
Aber wir wußten so ungefähr, wo der Unterschied liegt in der Arbeits– und Lebens-Philosophie von Kollegen in Asien zu uns.

Wie man das  findet, ist völlig gleichgültig. Denn wir werden uns vermutlich bis in die nächsten Generationen hinein damit anfreunden müssen, dass  unser größter Luxus nicht im materiellen Wohlstand der vergangenen Jahrzehnte bestand.

Der größte Luxus war die Freiheit, sein Leben sehr weitgehend unabhängig von materiellen Erwägungen einrichten zu können und trotzdem nicht notleidend zu sein (was freilich eng zusammenhängt).

Diese Zeiten sind vorbei.
Sie haben also die Wahl: Tretmühle, Konkurrenzkampf, sicheres Aufgeben Ihrer Gesundheit — oder:  Zeit für sich, Ihre Familie, das Leben – allerdings ohne Geld.
Viel Vergnügen im 21. Jahrhundert.

Ihr Kai Stumper

Es kommt drauf an

Ich hoffe, Sie haben keine Aktien mehr.
Nicht, weil Sie darum betrogen worden sind oder weil Ihre Aktien  wertlos geworden sind. Sondern weil Sie rechtzeitig verkauft haben. Das hoffe ich zumindest für Sie.
Denn dann benötigen Sie keinen spekulativen Rat mehr in dieser Frage.
Tun Sie dies !  Tun sie es nicht ! Auf jeden Fall und sofort. Aber ohne Begründung. Oder mit einer Begründung, die immer zutrifft.

Jeder, der jetzt zu Ihnen sagt „Die xyz-Aktie wird wieder rasant steigen“, hat Recht.
Oder anders gesagt: wenn Sie jetzt irgendjemanden auf der Straße fragen: Soll ich die xyz-Aktie kaufen ?“, wird er Recht haben—egal, was er sagt, egal, ob er Ihnen begeistert zurät oder völlig erschüttert abrät.
Wie das kommt ? Weil jede Aktie irgendwann steigt und irgendwann fällt.
Es kommt eben auf den Zeitpunkt an, zu dem man kauft und verkauft. Das ist alles. Es geht ausschließlich um das perfekte „timing“.

Ja, das ist ja klar. Also stellen Sie die Frage neu: „Soll ich die xyz-Aktie morgen kaufen“ ?
Und darauf könnte man nun wieder mit ja oder nein antworten.
Fällt die Aktie morgen, hat Ihr weiser Ratgeber Recht gehabt, wenn er mit, sagen wir mal „nein“ geantwortet hätte, Sie fühlen sich gut beraten und sind glücklich.
Aber was ist, wenn sie morgen fällt, übermorgen aber raketenartig abgeht ?
Dann sind Sie doch traurig und beschweren sich über die schlechte Antwort.
Doch dann wird Ihr Ratgeber  – korrekt—einwenden, dass Sie ihn ja nach dem morgigen Verlauf gefragt haben und nicht nach dem von übermorgen.
Morgen—übermorgen—was macht das schon ?
Tja, es ist ein Tag und ein Tag kann die Welt verändern, sicherlich auch schon eine Minute.

Auch mir werden ständig Fragen gestellt gestellt. „Habe ich Recht“ ?, „Werde ich gewinnen“? „Kann ich für 1,30.– Euro gekündigt werden“ ?
Und ich soll dann sagen „ja“ oder „nein“. Mehr nicht. Nur ja oder nein, bitte schön. Bitte nicht mehr, es ist alles so kompliziert und überhaupt, wenn Anwälte erst mal den Mund aufmachen…

Nehmen wir also an, ich sage „ja“, ich sage nicht „kommt drauf an“, ich sage einfach nur „ja“.
Na, klar, die Aktie steigt. Irgendwann. Na klar, ein Gericht verurteilt die Kassiererin wg. 1,30.– Euro. Dieses Gericht. Wegen dieser Umstände. In diesem Fall.

Aber was wäre gewesen, wenn der Fall etwas anders gelegen hätte. In Details, die wir alle gar nicht kennen. Vor einem anderen Gericht vielleicht ? Dann wäre mein „ja“ ziemlich spekulativ gewesen. Eigentlich sogar unseriös. Was hat man also von einem solchen  ja oder nein ?
Eigentlich nichts.

Genauso, wie der Anleger nichts davon hat, auf irgendwelche Zurufe sein Vermögen zu verheizen.
Wer die Börse nicht versteht, sollte sich ihr vorsichtig nähern.
Und wer das Recht nicht versteht, sollte sich ebenfalls vorsichtig heranpirschen. Beides geht am besten, wenn man versucht, das Rätselhafte zu verstehen.
Das geht nun mal nicht mit dem Vorsatz, die Dinge nicht verstehen zu wollen. „Bitte nur ja oder nein“.
Zum Spekulieren benötigen Sie keinen Berater. Das können Sie selbst.
Zum Beraten benötigen Sie jemanden, der mit Ihnen über die Dinge spricht, Vor– und Nachteile herausarbeitet, abwägt. Jemanden, der sich traut, „kommt drauf an“ zu sagen. Trauen Sie sich, darauf einzugehen. Denn es ist der Beweis dafür, dass Sie ernst genommen werden als mündiger Gesprächspartner.

Ihr Kai Stumper

Eine Frage der Würde

“So geht es nun aber nicht“, hörte ich. Manager als Geiseln nehmen, das geht nun doch etwas zu weit.

Arbeitnehmer kündigen geht nicht zu weit ?
Vielleicht nicht. Rechtlich nicht. Denn es ist erlaubt. Doch nicht alles, was erlaubt ist, ist auch in Ordnung.
Manchmal ist es nur eine Frage des Stils. Manchmal will jemand nur seine Würde behalten, auch, wenn er alles andere verliert.

Wer auch noch die Würde verlieren soll, geht schneller auf die Barrikaden.
Der eine verliert seine Freiheit, der andere seine Existenz. Ist das nicht ein akzeptabler Deal ?
Schließlich sperren Arbeitgeber ja auch aus. Dann kann man ja auch mal einen Arbeitgeber einsperren ?
Vielleicht, wenn es ein Recht auf einen Arbeitsplatz gäbe. Und zwar nicht nur auf irgendeinen, sondern auf genau den, den man „besitzt“. Doch das gibt es nicht.

Aber schließlich sind es doch die Manager gewesen, die durch ihre Kurzsichtigkeit, teilweise durch ihre persönliche Raffgier, Schuld am Niedergang vieler Unternehmen haben.
„Die Manager“ – wer ist das eigentlich ? Ist das genau jenes arme Würstchen, das sich im Büro von Fernsehkameras filmen lassen muß, während es dort von Arbeitnehmern festgehalten wird ? Hat „dieser da“ die Schuld ?

Wie gerne würden wir das glauben.
Ein Gesicht zu finden, dem die Schuld zuzuordnen ist, das wäre erleichternd. Doch die Rechnung geht nicht auf. Zu viele sind beteiligt, zu komplex die Fäden, die sie verbinden.

Darf man also seinen Vorgesetzten nicht einsperren ?
Natürlich nicht. Es ist verboten.
Natürlich doch. Moralisch betrachtet ist es erlaubt. Wenn er instinktlos handelt, weil er nicht persönlich zu den Betroffenen spricht, wenn er nicht in der Lage ist, seine Entscheidung zu erklären und für sie einzutreten, wenn er die Tragweite und Ungerechtigkeit aus der Perspektive des Einzelnen ignoriert.

Häufig wissen Arbeitnehmer, dass es nicht anders geht, manchmal verstehen sie sogar, dass das Unternehmen nicht anders handeln kann. Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht um den Stil, um Umgangsformen, um die Grundlagen des Benehmens. Um die Würde.

Das Wissen darum fehlt seltsamerweise bei so einigen Vorgesetzten.
Erstaunlich viele sind ethisch-moralische Vakuumpumpen, Autisten ihres Fachs, das sie formal perfekt beherrschen mögen, doch in der Übertragung auf andere Menschen scheitern sie teilweise bereits fachlich, oft auch menschlich.
Vielleicht eine verlorene Generation und doch der Spiegel unserer Gesellschaft, in der sich ebenso Arbeitnehmer und Betriebsräte in die Phalanx der Bestechlichen, Untreuen und Egozentriker eingereiht haben.

Natürlich darf man niemanden seiner Freiheit berauben.
Aber auch nicht seiner Würde.
„So geht es nun aber nicht“, lässt sich daher in zwei Richtungen rufen.

Kommen lassen zum Gehenlassen

Ich hatte im Urlaub eine Vision.
Das wäre doch wirklich mal bequem:
ich sitze gemütlich beim Kaffee auf der Terrasse und schreibe ein Postkärtchen.
Was fehlt, ist nur noch die Briefmarke.

So ein Mist, keine griffbereit. Wer nimmt auch schon Briefmarken von zuhause mit ?
Also zur Post. Aber: das Auto steht in der Tiefgarage, Fahrrad gefahren bin ich heute schon einmal mit der Familie (man soll nichts übertreiben) und zu Fuß jetzt nochmal lostraben ? Uncool.

Aber in meiner Vision gab es eine Rettung: einfach auf die Website der Post oder per Handy eine Nummer wählen und stattdessen einen Code abholen und auf den Brief schreiben, da, wo sonst die Marke hingehört.

So easy. So cool.
Abrufen, bringen lassen, Service genießen—on demand eben.
Pizza, Filme, Sonntags-Zeitung, Putzhilfe, PC-Notdienst, Banking, Bücher usw.—wer sich heute noch aus dem Haus begibt, ist doch eigentlich blöd.

In meiner Vision blieb ich also gemütlich sitzen, trank meinen Kaffee weiter und legte die Postkarte absendebereit zur Seite.

Ich bestellte dann abends noch ein paar Snacks in die Ferienwohnung und orderte einen Film. Am nächsten Morgen bestellte ich Brötchen, Zeitung und eine Fitnesstrainerin und so ging der Tag weiter. Das Bett hab ich natürlich nicht verlassen.

Nach einer Woche stellte ich fest, dass es in Deutschland noch erhebliche Servicelücken gibt: niemand bietet auf seiner Website an, mich  durchs Haus zu tragen, meine Klorolle zu wechseln und meinen Müll rauszubringen.

Was mir auch noch fehlte, war, dass sich jemand an meiner Stelle geärgert hat. Und überhaupt: könnte nicht viel besser ein anderer für mich essen, Filme ansehen und telefonieren ?
Muß ich denn wirklich alles selbst machen ?

Na, ja, darüber lässt sich noch hinwegsehen, wenn man bedenkt, dass hier noch viel zu tun ist und sich entsprechende Anbieter erst noch am Markt entfalten müssen.
Allerdings war ich schon ziemlich sauer, als ich feststellte, dass es im ganzen Internet keinen Arzt gab, der mich aus meinem Sessel transplantiert.
Schließlich war ja der Urlaub zu Ende und ein neuer Gast angekündigt.

Doch meine Vision ging noch weiter: als ich meinen Vermieter bat, doch endlich die Fliegen aus der Wohnung zu vertreiben, erklärte er mir, dass ich vielleicht bleiben könne, da er jetzt einen neuen Service anbietet.
Der neue Gast kann dabei gleich zuhause bleiben, denn an seiner Stelle macht der Vermieter für ihn Urlaub. Per Webcam wird alles direkt ins Haus des Gastes übertragen.
Merkwürdig: die Rechnung muß bei diesem Service im Voraus beglichen werden, gern auch per online-Überweisung.

Meine Vision nahm ein jähes Ende, als ich ein aus der Ferne anschwellendes Sirenen-Singen vernahm: meine Frau weckte mich aus meinem Nachmittags-Sonnen-Kaffee-Dösen auf und erklärte sehr realistisch, ich möge mich nun mal endlich aufschwingen, um die Postkarte wegzubringen.

Ihr Kai Stumper

Greif die Banane !

Wenn Sie mit dem Auto wegfahren, sollten Sie daran denken, dass Sie Benzin im Tank haben.
Wenn Sie Gäste zum Essen einladen, prüfen Sie, ob Sie genug Teller im Schrank haben (Tassen überspringen Sie).
Und wenn Sie sich ein Haus kaufen, prüfen Sie bitte, ob Sie überhaupt Geld dafür haben.

Alles Selbstverständlichkeiten ? Nun ja,  wie kann es dann sein, dass deutsche Unternehmen Geld für Werbeblöcke ausgeben, um die herum von unseren Fernsehsendern Ratgeber mit derartigen Lebensweisheiten verstrahlt werden ?
Und das Bücher die Bestsellerlisten anführen, in denen genau dies wortreich erläutert wird ?

Angeblich durchläuft der Mensch in den neun Monaten bis zur Geburt sämtliche Entwicklungszyklen vom Wurm bis zum  Affen und plumpst dann als Homo Sapiens auf die Erde, also als „Wissender“.

Das ist allerdings ebenso eine geschickt gestreute Lüge, wie in früherer Zeit diejenigen, wonach die Sonne sich um die Erde dreht oder ein Blitz den Zorn Gottes widerspiegele. Denn wie ich jetzt herausgefunden habe, ist der Mensch bereits vor der Entwicklung des Affen in einem parallelen Zweig der Evolution steckengeblieben.

Ein Affe immerhin ist in der Lage, sich einen Stuhl heranzuziehen, wenn von der Decke eine Banane herunterbaumelt, an die er auf bloßen Zehenspitzen nicht herankommt.

Wie aber die Sichtung der aktuellen Ratgeber-Dienstleistungen ergibt, kommt der moderne Mensch wiederum seinerseits an eine solche Intelligenzleistung nicht heran.

Denn er benötigt bereits zur Erhaltung seiner biologischen Grundfunktionen z.B. den Hinweis durch Dritte, dass er
ohne etwas zu trinken. Oder dass es hilfreich  sein kann, Nahrung zu kauen, bevor er sie herunterschluckt.
Und ebenso, dass er ab und zu einmal nachsehen soll, ob er bereits Darm und Blase entleert hat, um mögliche zum Tode führende Stauungen zu vermeiden.

Jenseits solcher Vitalfunktionen benötigen wir Rat dazu, wie wir unsere Geschlechtspartner finden, vornehm „Flirtschule“ genannt. Aber auch der Umgang mit so merkwürdigen Instrumenten wie Messer und Gabel kann selbst nach  30jähriger, offenbar erfolgloser Bemühung noch in Seminaren erlernt werden.
Die Juristen sprechen von einem untauglichen Versuch, wenn man z.B. glaubt, etwas zu klauen, was man schon längst besitzt.
Hier ist es natürlich umgekehrt: die Ratgeber suggerieren uns, wir könnten noch etwas lernen, obwohl wir dafür viel zu doof sind.
„Wie schreibe ich einen Brief“ ? – eine Frage, die notgedrungen nach zehn bis 13 Jahren Schule rätselhaft klingen muß.
Wie sage ich „danke“ oder „nein“ ? Und, allerdings nur für bereits sehr geübte Fortgeschrittene: „Entschuldigung“ ?

Ein Dauerbrenner sind übrigens auch Lebenshilfen zur Erziehung. Wie können wir es nur schaffen, unseren Kindern klarzumachen, dass sie ihre Kameraden nicht beklauen, erpressen oder foltern sollen ? Keine Sorge, auch das können wir lernen, es gibt genügend Ratgeber.
Allerdings erinnert mich das gerade an irgendein altes Sprichwort. Da war mal was mit einem Gärtner, der keinen Bock mehr hatte. Oder ein Bock, der einen Gärtner einstellen wollte.
Oder so.
Übrigens lese ich gerade ein Ratgeber-Buch: „Wie erinnere ich mich an alte Sprichwörter und an mein Geschwätz von gestern?“ – sehr zu empfehlen!

Und ganz neu im Angebot: „Wahrnehmungsstörungen beseitigen in zwei Tagen“: dort lernen wir, wie man die kaum überwindbare Hürde doch noch nimmt, aus unerfindlichen Gründen vor dem Supermarkteingang oder anderen Engstellen nicht abrupt stehenzubleiben und sodann wie eingefroren zu verharren.
Wir Menschen sind nunmal soweit hinter den Affen zurückgeblieben, dass wir es für uns praktisch unmöglich ist, auf die Idee mit dem Stuhl zu kommen.
Aber neulich behauptete doch tatsächlich jemand, es habe einmal – für einen ganz kurzen Augenblick — eine Zeit gegeben, in der die Menschen Intelligenz besaßen und sich eigenständig entwickeln konnten.
Ich frage mich nur: wann soll das gewesen sein ?

Ihr Kai Stumper

Genießen will gelernt sein

Früher waren es  die hungernden Kinder in Afrika. Ab und zu kam mal eine Überschwemmung dazu. Manchmal irgendeine Schlacht-Orgie wie im Sudan.

Das war wenigstens irgendwie weit weg. Man mußte sich nur daran gewöhnen, bei den Nachrichten trotzdem noch zu essen.
Das war schwierig.

Aber jetzt. Die Einschläge kommen immer näher. Geld weg, Job weg, Rente weg, Krankengeld weg.
Wie soll man da noch gelassen bleiben ? Es bleibt einem das Wurstbrot im Halse stecken.

Aber muß es immer Wurstbrot sein ?
„Genießen, solange es noch geht“- mit diesem Spruch inseriert ein Eishersteller in großen Illustrierten.

Laßt uns alle noch gemeinsam ein großes Eis essen und dann zusehen, wie die Welt untergeht.

Auto zu teuer ? Abwrackprämie.
Krise ? Wir haben ja die Kurzarbeit.
Kein Geld ? Kredit aufnehmen.
Es ist alles so einfach. E wie einfach. Oder besser gesagt:“easy“.

Wir haben keine Schuld daran, dass in Afrika Kinder hungern. Und wir haben  auch keine Schuld daran, dass die Amis   auf Pump gelebt haben. Und auch nicht daran, dass die Banker, oder besser: die Manager im Allgemeinen sich die Taschen vollgestopft haben.

Eigentlich haben wir an gar nichts die
Schuld. Wir sind ja nur die letzten in der Kette, wir können nichts ändern.

Und da das alles so ist, können wir es uns wenigstens nochmal gemütlich machen: ein Eis essen, nochmal schön Urlaub machen, ein neues Auto kaufen.

Eigentlich ist das Leben doch wie ein schöner Traum.

Und eines Tages, wenn wir eigentlich langsam mal aufwachen müssten, sind wir schon tot, vielleicht, weil uns mitten im Traum beim Eis essen der Schlag getroffen hat.
Ein schöner Tod.

Dann werden sich unsere Kinder um die Dinge kümmern.
Die haben auch ein Eis gekriegt. Ein etwas kleineres ,weil sie selbst ja noch  klein sind.
Sie werden uns dankbar sein.

Oder uns verfluchen…

Ihr Kai Stumper

Traurige Freundlichkeiten

„Ein schönes Rest-Wochenende“. Anfangs, als ich diesen Zuruf das erste Mal hörte, glaubte ich, das sei ein Scherz.
Vielleicht war es auch mal so gemeint.

Inzwischen höre ich diesen Wunsch aber auch aus dem Munde von Menschen, die keine Scherze machen. Die meinen es ernst. Die wollen tatsächlich freundlich sein.
Damit erweitert sich mal wieder die Kette der politisch korrekten Nervtötungsfloskeln.
Der erste Chefredakteuer, den ich in meiner Ausbildung erleben durfte, begann die Redaktionskonferenz stets mit einem „wunderschönen guten Morgen“. Pleonasmen oder Tautologien waren für ihn „böhmische Dörfer“.
Für Morgenmuffel, und die meisten Journalisten gehören zu dieser Gattung, der Todesstoß in den Tag.
Wie sollte der nun eigentlich ausfallen: „wunderschön“, einfach nur „gut“ oder wirklich — kaum verkraftbar — beides ?

Ein „schönes Wochenende“ oder einen „schönen Feierabend“ wünschen sich alle. Doch was ist das genau ?
Für den einen ist es das dreistündige Herumstehen in einem See mit Anglerhose, für den anderen die GPS-Fahndung in Großstädten nach versteckten Schatzkistlein. Wieder andere lassen sich dabei erwischen, wie sie den Keller aufräumen oder Kakteen züchten, vielleicht sogar beides. Jeder eben so, wie er mag.

Die schönen Wünsche beziehen sich aufs Beliebige und sind damit selbst beliebig. Aber nett gemeint.
Meistens.
Hofft man.
Aber weiß man es auch ?

Die Friesen ziehen ihre Konsequenz daraus und sagen den ganzen Tag nur eins: „Moin“.
Je kürzer und verdrießlicher, desto besser. Das ist eine Kampfansage. Manch Zugereister ist bereits daran gescheitert, diesem Monolithen eine
und wurde ausgestoßen.
Merkwürdiges Völkchen: brauchen die gar keine Herzenswärme, mal ein paar liebe, nette Worte ?
Dann vielleicht doch besser die Enterhakenwerfer der Harmoniesucht, die den ganzen Tag schön Reden wollen ?

Aber Vorsicht: wie nett gemeint sind eigentlich die „freundlichen Grüße“ unter einem Anwaltsschriftsatz, mit dem eine Klage angedroht wird  ?
Zynismus.

Oder: wie ernsthaft gewünscht ist die „schöne Fortsetzung ihrer Fahrt“ von einem Bettler, der in der U-Bahn Freundlichkeiten herunterleiert, um einen Euro einzusammeln ?
Verzweiflung.

Und wie aufrichtig ist das „schöne Restwochenende“ eines Verkäufers, der um seinen Arbeitsplatz bangt ?
Angst.

In meinem Kaufhaus gehörte seit Jahren eine Gruppe von Verkäufern zum Inventar, die stets geschäftig miteinander plauderte, wenn ich eine Frage hatte.
Kunden waren offenbar eine unerwartete, nicht vorgesehene Störung des Betriebsablaufs.
Die bösen Blicke, die ich im Laufe der Jahre erntete, wenn ich es doch einmal wagte, meine Frage zu stellen, haben mich gut erzogen: am Ende kannte ich mich besser im Sortiment aus, als die Angestellten. Fragen wurden überflüssig.
Jetzt, wo das Kaufhaus in der Insolvenz steckt, eilen gleich zwei auf mich zu und bedrängen mich mit Antworten auf Fragen, die ich nie gestellt habe. Am Ende bedankt man sich für meinen Einkauf und wünscht mir ein schönes „Restwochenende“.
„Schade“, denke ich. Freundlichkeit aus Not, aus wirtschaftlichem Kalkül und aus Hoffnung auf einen Erlös löst bei mir Traurigkeit aus.

So gesehen gibt es seit Einführung des „schönen Restwochenendes“ noch mehr Freundlichkeit in der Welt.
Aber auch mehr Traurigkeit.

Ihr Kai Stumper

Das Falsche im Richtigen

Heute war es wieder soweit. 14:30 Uhr, Mittagshitze, 32 Grad, Jogger. Joggen ist gesund. Aber warum muß man sich genau dann die Strecke runterquälen, wenn es am heißesten und am staubigsten ist ?
Nach langem Grübeln glaube ich, die Antwort gefunden zu haben.
Es gibt drei Gruppen von Joggern.

Die einen sind unsportlich und übergewichtig. Sie schleichen sich morgens oder abends im Schutz der Dämmerung um die Ecken. Für sie ist Jogging die völlig falsche Sportart: Gelenke und Herz werden geschädigt, die ganze Maloche ist sinnlos.

Die andere Gruppe besteht aus den Profis. Sie wissen, was sie tun, laufen langsam, aber beständig, besitzen eine gewisse Kondition, legen meist keinen großen Wert auf Blender-Klamotten und lassen sich oft am späten Nachmittag oder morgens vor der Arbeit unauffällig blicken.

Und dann ist da die Gruppe der disziplinierten Masochisten. Ihnen macht das Laufen an sich keinen Spaß, sie haben aber durchaus die Verfassung und Statur, die Sache voranzubringen. Sie laufen, weil sie sich mit dem Kopf entschieden haben, dass es gut für sie sei.
Dabei hat ihnen ihr Kopf (oder irgendeine Frauen- oder Männerzeitschrift)mitgeteilt, dass sie umso gesünder leben, je mehr sie sich quälen.

Also machen sie alles, was keinen Spaß macht.
Sie gehen nicht nur ins Fitnessstudio, essen Müsli und meditieren, sondern sie joggen dann, wenn es richtig unangenehm ist: in der größten Mittagshitze, am besten auf Asphalt.

Qualen sind gut, sagen sie sich. Erst das Gefühl der Qual bestätigt im Gehirn die Idee, etwas getan zu haben, was sich lohnen muß.
Erst dadurch entsteht ein gutes Gewissen: ich habe mich gequält, also bin ich und bin dabei auch noch gut.
Menschen aus dieser Gruppe haben  jeden Bezug zu ihrem Körper, ihrer Umwelt und zur Realität verloren.

Im Arbeitsleben erkennt man sie daran, dass sie an Regeln glauben, sich von Vorgesetzten „führen“ lassen und jede Erniedrigung als Herausforderung betrachten.
Je mehr sie ihre Arbeit als Qual erleben, desto mehr glauben sie, sich für ihre Aufopferung mit einem guten Gewissen belohnen zu dürfen.

Sie wollen das Richtige und tun doch das Falsche.

Es sind liebe, freundliche Buddies—Menschen wie Du und ich.

Ihr Kai Stumper

Zweimal gezahlt

An der Ampel den Motor abstellen, zuhause die standby-Funktionen überprüfen, die Heizung ein Grad runter und Schummerlampen reindrehen: es gibt viele Möglichkeiten, Energie zu sparen.

Ist ja auch sinnvoll. Man spart Geld und tut was für die Umwelt. Ein Wohlgefühl breitet sich aus.

Ein Szenario, dass historisch selten ist, aber immer mal auftritt: ganze Völker kasteien sich für ein vermeintlich höheres Ziel und schöpfen auch noch ein Glücksgefühl daraus.
Ist das nicht ziemlich dumm ?

Zumindest ist es dumm, Dreck in die Luft zu blasen und sich erst ein paar Jahrzehnte später zu fragen, wozu das eigentlich so führen kann. Das geht schon seit mehr als hundert Jahren so und bis heute— Stichwort sind u.a. Nanotechnologie, Gentechnik, Elektrosmog oder Lebensmittelzusätze—hat sich nicht herumgesprochen, dass es sinnvoll sein kann, Wirkungen von Ursachen zu erforschen, bevor man eine Ursache setzt, zumindest aber den Verursacher für seine Wirkungen verantwortlich zu machen.

Ebenso dumm ist es aber auch, für eine Leistung zweimal zu bezahlen.
Es gibt Menschen, die von uns seit langem beauftragt worden sind, sich um Probleme wie diese zu kümmern. Die Kohls und Schröders kamen und gingen, doch getan haben sie praktisch nichts. Schöne Reden, Präsente für Senioren auf dem Marktplatz, feine Anzüge waren wichtiger als die mühsame Arbeit an Problemen, die schon damals nicht künftige, sondern gegenwärtige waren.
Was unserer sogenannten Elite eingefallen ist, war ein Gegengift namens Atomkraft und allerlei hoheitliche Maßnahmen gegenüber den Bürgern als Empfänger von Verwaltungsakten, Steuerpflichten und Bußgeldern. Sehr kreativ.

Diese Bürger wiederum ducken sich in peinvoller Ergebenheit, gebeugt vor Schamgefühl und fröhlich-naiver Solidarität gegenüber der Umwelt.
Gern lassen sie sich ins Mittelalter zurückordern und lesen bei Kerzenlicht, wegen welcher Sünden sie künftig noch weitere Sparmaßnahmen zu ergreifen haben.

Dabei gibt es emissionslose Energie in Hülle und Fülle (und damit meine ich nicht die Atomkraft). Es gibt so viel davon, dass wir alle im Winter bei offenem Fenster heizen könnten, ohne auch nur ein Gramm C02 zu erzeugen.

Aber um diese Energie nutzbar zu machen, hätte man etwas früher aufstehen müssen, etwa mehr Kreativität einbringen und etwas mehr Geld investieren müssen.
Mit den Kosten eines Irak-Krieges hätten wir das Problem lösen können.
Locker auch mit dem Geld, dass die Notenbanken in diesem Jahr unters Volk geworfen haben, um die Debilität der Investmentbanker zu finanzieren.

Schade. Hat nicht geklappt.
Also denken Sie dran: die nächsten Jahre sollten Sie den Fuß vom Gas nehmen und öfter mal bei Kerzenlicht lesen.
Stellen Sie sich einfach vor, Sie wären Spieler in einem Computerspiel, dass das Mittelalter simuliert. Um den Aus-Knopf brauchen Sie sich dabei zum Glück nicht zu kümmern. Denn aus diesem Spiel kommen Sie in den nächsten Jahren nicht raus.

Ihr Kai Stumper