Eine Frage der Würde

“So geht es nun aber nicht“, hörte ich. Manager als Geiseln nehmen, das geht nun doch etwas zu weit.

Arbeitnehmer kündigen geht nicht zu weit ?
Vielleicht nicht. Rechtlich nicht. Denn es ist erlaubt. Doch nicht alles, was erlaubt ist, ist auch in Ordnung.
Manchmal ist es nur eine Frage des Stils. Manchmal will jemand nur seine Würde behalten, auch, wenn er alles andere verliert.

Wer auch noch die Würde verlieren soll, geht schneller auf die Barrikaden.
Der eine verliert seine Freiheit, der andere seine Existenz. Ist das nicht ein akzeptabler Deal ?
Schließlich sperren Arbeitgeber ja auch aus. Dann kann man ja auch mal einen Arbeitgeber einsperren ?
Vielleicht, wenn es ein Recht auf einen Arbeitsplatz gäbe. Und zwar nicht nur auf irgendeinen, sondern auf genau den, den man „besitzt“. Doch das gibt es nicht.

Aber schließlich sind es doch die Manager gewesen, die durch ihre Kurzsichtigkeit, teilweise durch ihre persönliche Raffgier, Schuld am Niedergang vieler Unternehmen haben.
„Die Manager“ – wer ist das eigentlich ? Ist das genau jenes arme Würstchen, das sich im Büro von Fernsehkameras filmen lassen muß, während es dort von Arbeitnehmern festgehalten wird ? Hat „dieser da“ die Schuld ?

Wie gerne würden wir das glauben.
Ein Gesicht zu finden, dem die Schuld zuzuordnen ist, das wäre erleichternd. Doch die Rechnung geht nicht auf. Zu viele sind beteiligt, zu komplex die Fäden, die sie verbinden.

Darf man also seinen Vorgesetzten nicht einsperren ?
Natürlich nicht. Es ist verboten.
Natürlich doch. Moralisch betrachtet ist es erlaubt. Wenn er instinktlos handelt, weil er nicht persönlich zu den Betroffenen spricht, wenn er nicht in der Lage ist, seine Entscheidung zu erklären und für sie einzutreten, wenn er die Tragweite und Ungerechtigkeit aus der Perspektive des Einzelnen ignoriert.

Häufig wissen Arbeitnehmer, dass es nicht anders geht, manchmal verstehen sie sogar, dass das Unternehmen nicht anders handeln kann. Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht um den Stil, um Umgangsformen, um die Grundlagen des Benehmens. Um die Würde.

Das Wissen darum fehlt seltsamerweise bei so einigen Vorgesetzten.
Erstaunlich viele sind ethisch-moralische Vakuumpumpen, Autisten ihres Fachs, das sie formal perfekt beherrschen mögen, doch in der Übertragung auf andere Menschen scheitern sie teilweise bereits fachlich, oft auch menschlich.
Vielleicht eine verlorene Generation und doch der Spiegel unserer Gesellschaft, in der sich ebenso Arbeitnehmer und Betriebsräte in die Phalanx der Bestechlichen, Untreuen und Egozentriker eingereiht haben.

Natürlich darf man niemanden seiner Freiheit berauben.
Aber auch nicht seiner Würde.
„So geht es nun aber nicht“, lässt sich daher in zwei Richtungen rufen.

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