Ziel erreicht – ohne Navi !

Die Dame an der Rezeption des Hotels war erstaunt. Sie rief ins Telefon: “Haben Sie denn keinen Navi ?” Nein, ich habe keinen Navi. Das war ja der Grund, warum ich wissen wollte, ob man die drei Hoteltürme auf Fehmarn auch im Dunkeln sehen kann bzw., in welchem mein Zimmer war. Ich fühlte mich arm und igendwie völlig out. Ereilt mich jetzt dasgleiche Schicksal wie meine Eltern ? Sie hatten jahrzehntelang eine Reiseschreibmaschine, Marke Olympia (gibts auch nicht mehr), auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer stehen. Als ich mir dann meinen ersten PC kaufte, wußten sie nicht, wie die Schrift aufs Papier kommt. Und jetzt ich. Kein Navi – out, alt, Anschluß verloren. Ich versuchte gar nicht erst, mich zu rechtfertigen. Höflich bat ich die Dame am Telefon, nun doch einfach mal schnell meine Frage zu beantworten, ich würde mich dann schon zurechtfinden. Sie erklärte mir dann sehr umständlich, wie ich zum Hotel komme (was ich gar nicht gefragt hatte). Ich war schon froh, daß sie mich nicht daran erinnerte, am Auto das Licht einzuschalten. Dann mußte ich sie etwas bremsen. Natürlich glaubte sie, ich sei ein Orientierungslinkomat. Sie wollte es besonders gut machen. Ich dagegen wollte mir den Spaß nicht rauben lassen und platzte ihr ins Wort, ich würde das schon finden. Aus ihrer Sicht ein dramatischer Widerspruch für einen Mann ohne Navi. Aus meiner Sicht die Grundlage zur Rettung meiner Instinkte. Es geht hier nicht nur darum, die Treppe zu nehmen, obwohl der Fahrstuhl funktioniert. Nein, dieser Vergleich hinkt. Denn das Gehen auf zwei Beinen ist ein vergleichsweise primitiver Vorgang. Sicherlich – er soll nicht gänzlich ungesund sein, aber wenn man mal mit dem Fahrstuhl fährt, rostet man nicht gleich komplett ein, oder ? Mit der Orientierung ist es da schon etwas anders. So in etwa wie mit einem Rollator. Hilfreich, wenn man was am Bein hat, aber doch völlig überflüssig, solange man selbst gehen kann.
Ich also gestehe: ich habe keinen Navi. Schlimmer: ich will keinen.
Bin ich etwa ein dogmatischer Fanatiker ? Muß ich jetzt nachts auf Nägeln schlafen, darf ich nur noch Schwarzbrot essen, muß ich mich mit Bachblüten beschäftigen ?
Sicherlich – das Sitzen auf dem Hintern ist sehr anstrengend. Da ist es schon hilfreich, wenn sich die Heckklappe von selbst öffnet und schließt. Und warum sollte man beim Einparken noch das Lenkrad anfassen ? Der Muskelatrophie läßt sich ausreichend vorbeugen, indem man den Zündschlüssel umdreht.
Passend dazu gibt es das Auto mit ESP, ASP, SPG und dann natürlich den akustischen Warner, wenn der vor lauter Nichtstun eingeschlafene Fahrer über den Seitenstreifen fährt, um dem Abgrund entgegenzurasen. Ein schöner Tod, mit Warnton.
Und doch begehre ich auf. Anarchisch, revolutionär und heldenhaft verweigere ich die Prothese, die niemand braucht, der nicht bescheuerter werden will, als er schon ist.
Nur zu: versuchen Sie es ! Den Kirchturm finden, das Rathaus, den Büroturm, die Scheibe runterkurbeln, Passanten nach dem Weg fragen: unglaublich, neue sinnliche Wahrnehmungen werden offenbar. Sie können es, und Sie werden sehen, eines Tages spüren Sie wieder, wo Sie sind, welche Himmelsrichtungen es gibt, wo andere sind und vielleicht sogar, wer Sie sind. Vielleicht sagt Ihnen dann eine innere Stimme: “Sie haben Ihr Ziel erreicht”. Wäre das nicht wunderbar ?

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