Traurige Freundlichkeiten

„Ein schönes Rest-Wochenende“. Anfangs, als ich diesen Zuruf das erste Mal hörte, glaubte ich, das sei ein Scherz.
Vielleicht war es auch mal so gemeint.

Inzwischen höre ich diesen Wunsch aber auch aus dem Munde von Menschen, die keine Scherze machen. Die meinen es ernst. Die wollen tatsächlich freundlich sein.
Damit erweitert sich mal wieder die Kette der politisch korrekten Nervtötungsfloskeln.
Der erste Chefredakteuer, den ich in meiner Ausbildung erleben durfte, begann die Redaktionskonferenz stets mit einem „wunderschönen guten Morgen“. Pleonasmen oder Tautologien waren für ihn „böhmische Dörfer“.
Für Morgenmuffel, und die meisten Journalisten gehören zu dieser Gattung, der Todesstoß in den Tag.
Wie sollte der nun eigentlich ausfallen: „wunderschön“, einfach nur „gut“ oder wirklich — kaum verkraftbar — beides ?

Ein „schönes Wochenende“ oder einen „schönen Feierabend“ wünschen sich alle. Doch was ist das genau ?
Für den einen ist es das dreistündige Herumstehen in einem See mit Anglerhose, für den anderen die GPS-Fahndung in Großstädten nach versteckten Schatzkistlein. Wieder andere lassen sich dabei erwischen, wie sie den Keller aufräumen oder Kakteen züchten, vielleicht sogar beides. Jeder eben so, wie er mag.

Die schönen Wünsche beziehen sich aufs Beliebige und sind damit selbst beliebig. Aber nett gemeint.
Meistens.
Hofft man.
Aber weiß man es auch ?

Die Friesen ziehen ihre Konsequenz daraus und sagen den ganzen Tag nur eins: „Moin“.
Je kürzer und verdrießlicher, desto besser. Das ist eine Kampfansage. Manch Zugereister ist bereits daran gescheitert, diesem Monolithen eine
und wurde ausgestoßen.
Merkwürdiges Völkchen: brauchen die gar keine Herzenswärme, mal ein paar liebe, nette Worte ?
Dann vielleicht doch besser die Enterhakenwerfer der Harmoniesucht, die den ganzen Tag schön Reden wollen ?

Aber Vorsicht: wie nett gemeint sind eigentlich die „freundlichen Grüße“ unter einem Anwaltsschriftsatz, mit dem eine Klage angedroht wird  ?
Zynismus.

Oder: wie ernsthaft gewünscht ist die „schöne Fortsetzung ihrer Fahrt“ von einem Bettler, der in der U-Bahn Freundlichkeiten herunterleiert, um einen Euro einzusammeln ?
Verzweiflung.

Und wie aufrichtig ist das „schöne Restwochenende“ eines Verkäufers, der um seinen Arbeitsplatz bangt ?
Angst.

In meinem Kaufhaus gehörte seit Jahren eine Gruppe von Verkäufern zum Inventar, die stets geschäftig miteinander plauderte, wenn ich eine Frage hatte.
Kunden waren offenbar eine unerwartete, nicht vorgesehene Störung des Betriebsablaufs.
Die bösen Blicke, die ich im Laufe der Jahre erntete, wenn ich es doch einmal wagte, meine Frage zu stellen, haben mich gut erzogen: am Ende kannte ich mich besser im Sortiment aus, als die Angestellten. Fragen wurden überflüssig.
Jetzt, wo das Kaufhaus in der Insolvenz steckt, eilen gleich zwei auf mich zu und bedrängen mich mit Antworten auf Fragen, die ich nie gestellt habe. Am Ende bedankt man sich für meinen Einkauf und wünscht mir ein schönes „Restwochenende“.
„Schade“, denke ich. Freundlichkeit aus Not, aus wirtschaftlichem Kalkül und aus Hoffnung auf einen Erlös löst bei mir Traurigkeit aus.

So gesehen gibt es seit Einführung des „schönen Restwochenendes“ noch mehr Freundlichkeit in der Welt.
Aber auch mehr Traurigkeit.

Ihr Kai Stumper

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